Stress nach einer Hirnoperation erschwert die Erholung und Zufriedenheit der Patient:innen. Mit diesem Projekt zeigen wir, dass Patient:innen deutlich weniger Stress durch postoperative Bildgebung nach Hirnoperation erleben, wenn diese zwischen 36–72 Stunden erfolgt. Dieses optimierte Zeitfenster reduziert Schmerzen und Übelkeit, steigert die Zufriedenheit, erhält die radiologische Qualität und verbessert das postoperative Management ohne Einbussen der Patientensicherheit.
September 2020 bis Juli 2022, mit nachfolgender Implementierung im Klinikalltag.
Wie ein optimiertes Timing der postoperativen Bildgebung zwischen 36–72 Stunden den Stress von Patient:innen nach Hirnoperationen messbar reduziert, ohne die diagnostische Qualität oder Sicherheit zu beeinträchtigen.
Um unser Ziel zu untersuchen, haben wir eine prospektive, beobachtende Kohortenstudie in unsere Universitätsklinik für Neurochirurgie durchgeführt. Dieses Projekt verbindet erstmals radiologische Qualitätsansprüche mit einer patientenzentrierten Optimierung des Zeitpunkts der Bildgebung – ein neuer, innovativer Ansatz im neurochirurgischen Management. Nach unserem Kenntnisstand ist dies das erste Projekt, das auf eine Optimierung der Patientenzufriedenheit und Patientensicherheit im Rahmen des optimalen Zeitpunkts der Bildgebung nach Hirnoperation abzielt.
Eingeschlossene Studienteilnehmende waren volljährige Patient:innen (18-80 Jahre) mit einer schriftlichen Einwilligung zur Studienteilnahme, und eine geplante Hirnoperation zur Entfernung eines Hirntumors oder zur einen Hirngefässeingriff mit geplanter postoperativer MRT- oder CT-Bildgebung innerhalb von 72 Stunden.
Die Basischarakteristika der Patient:innen umfassten demografische Daten (z.B. Geschlecht, Alter) sowie die Lokalisation der Schädeleröffnung. Radiologische Kriterien wurden aus dem neuroradiologischen Befundbericht entnommen und umfassten: 1) Zeitpunkt der Untersuchung; 2) Lokalisation des Tumors; 3) Resttumor in der MRT; 4) Kontrastmittelanreicherung in der MRT (postoperative reaktive Veränderungen, nicht tumorspezifisch); 5) nicht vollständig ausgeschaltete Hirngefässmissbildung; 6) signifikante postoperative Blutung; 7) Infarkt.
Wir waren primär interessiert in die Differenz zwischen der Stressniveau der Patient:innen vor und nach der postoperativen Bildgebung, gemessen durch eine Kombination der visuellen Analogskala (VAS) für Schmerz und Übelkeit sowie der Body Part Discomfort Scale (BPDS) für Unbehagen. Diese Daten wurden anhand eines Fragebogens unmittelbar vor und nach der postoperativen Bildgebung erhoben, der von den Patient:innen ausgefüllt wurde. Wir berechneten ein Surrogat für das Stressniveau, indem wir die VAS-Werte für Schmerz und Übelkeit mit dem 0,5-fachen BPDS addierten. Mit dieser Annahme lag der Stress Score zwischen 4,5 und 42,5 Punkten. Zudem beurteilten wir die subjektive Einschätzung der Patient:innen, ob die postoperative Bildgebung zum richtigen Zeitpunkt durchgeführt wurde sowie obenstehende radiologische Kriterien.
Um Faktoren, die die Fähigkeit oder das Timing der Beantwortung des Fragebogens beeinflussen könnten, wurden das Pflegefachpersonal (unterstützt durch Assistenzärztinnen/-ärzte oder Medizinstudierende) aktiv in die Datenerhebung eingebunden. Dabei legten wir besonderes Augenmerk auf die zeitnahe Beantwortung der Fragenbögen unmittelbar vor und nach der Bildgebung. Als Qualitätskontrolle erfassten wir den Zeitpunkt der jeweiligen Fragebogenerhebung und berechneten das Intervall zwischen beiden.
Für die Beurteilung der Stress im Rahmen der postoperativen Bildgebung wurden nur Patient:innen eingeschlossen, die beide Fragebögen vollständig ausgefüllt hatten. Die Differenz zwischen beiden Stress Scores ergab das quantifizierbare primäre Stressniveau, ausgelöst durch die postoperative Bildgebung. Ergebnisse von den zusätzlichen Parametern wurden anhand des Anteils der verfügbaren Daten berichtet.
Die Zuteilung der Patient:innen zu Zeitintervallen erfolgte zufallsbedingt aufgrund verschiedener Faktoren, die das Untersuchungsintervall beeinflussten, wie Operationsschwierigkeit, klinischer Zustand, Kapazität der Neuroradiologie oder Wochentag der Operation.
Für die statistische Analyse wurden die Patient:innen basierend auf vordefinierten Zeitintervallen in zwei Gruppen eingeteilt und mit allgemeine statistische Techniken analysiert:
I) Frühe Bildgebung: ≤36 Stunden postoperativ vs. Späte Bildgebung: 36-72 Stunden postoperativ
Eine zweite Analyse erfolgte anhand folgender Gruppen:
II) Frühe Bildgebung: am Operationstag (Tag 0) oder am ersten postoperativen Tag vs. Späte Bildgebung: am zweiten oder dritten postoperativen Tag
Um den potenziellen Einfluss der längeren und intensiveren MRT-Bildgebung zu evaluieren, führten wir eine dritte Analyse durch, in der die Gruppen nach MRT und CT getrennt wurden:
III) MRT-Bildgebung vs. CT-Bildgebung
Der Aufwand für die beteiligten Berufsgruppen beschränkte sich im Wesentlichen darauf, sicherzustellen, dass die Fragebögen unmittelbar vor und nach der postoperativen Bildgebung ausgefüllt wurden; alle weiteren Tätigkeiten wie Patiententransport oder Berichterstattung entsprachen dem üblichen klinischen Alltag.
Bei 139 Patient:innen, die innerhalb von 36 Stunden bzw. zwischen 36 und 72 Stunden untersucht wurden (Analyse I), betrug die Veränderung des Stress Scores 4,8 bzw. 1,5, welche statistisch deutlich Unterschiedlich war (p< 0.001). Diese Veränderung war vor allem auf mehr Schmerzen und Übelkeit nach der Bildgebung zurückzuführen. Vergleichbare signifikante Unterschiede sahen wir bei Analyse II. Obwohl eine postoperative CT zu einer geringeren Veränderung der Stress Scores führte (Analyse III), war der Unterschied im Vergleich zur MRT statistisch nicht signifikant (p= 0.12).
Diese Ergebnisse zeigten deutlich, dass Patient:innen bei einer Bildgebung zwischen 36 und 72 Stunden nach der Operation — beziehungsweise am zweiten oder dritten postoperativen Tag — weniger Stress erleben als bei einer früheren Bildgebung.
Zusätzliche Analysen
61,1 % der Patient:innen waren mit dem Zeitfenster zwischen Operation und Bildgebung zufrieden. Nur drei Patient:innen (2,0 %) hätten eine frühere Bildgebung bevorzugt, während 55 (36,9 %) ihre Bildgebung zu einem späteren Zeitpunkt gewünscht hätten. Das Intervall war bei den zufriedenen Patient:innen mit 41,3 Stunden signifikant länger als bei den Patient:innen, die eine spätere Bildgebung bevorzugt hätten (24,9 Stunden, p < 0,001). Die neuroradiologischen Befunde waren zwischen den Gruppen vergleichbar.