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Generative KI
Herausforderungen und Überlegungen

Herausforderungen und Überlegungen

Autor - Christopher Galli, Experte Digitalisierung FMH

Die Technologie der generativen KI basiert auf komplexen mathematischen Modellen und Algorithmen. Aber was hindert uns eigentlich daran, sie einfach anzuwenden? Welche konkreten Herausforderungen und Risiken bringt diese Technologie mit sich? Und welche Überlegungen sind notwendig, wenn wir sie in einem sensiblen Bereich wie dem Gesundheitswesen nutzen möchten? Dieses Kapitel widmet sich diesen Fragen und spezifischen Herausforderungen, die generative KI im Schweizer Gesundheitswesen mit sich bringt, und erläutert, welche Aspekte dabei besonders zu berücksichtigen sind8.

Datenschutz und Sicherheit: Herausforderungen für die generative KI im Schweizer Gesundheitswesen

Der Schutz sensibler Patientendaten ist eine der zentralen Herausforderungen für die Einführung generativer KI im Gesundheitswesen, insbesondere in einem Land wie der Schweiz, das für seinen hohen Datenschutzstandard bekannt ist. Trotz des Potenzials, das generative KI für die Verbesserung der Gesundheitsversorgung bietet, stehen Organisationen vor einer komplexen Aufgabe: Sie müssen Innovation fördern, ohne die Privatsphäre und Sicherheit von Patienten zu gefährden.

1. Fragmentierung des Schweizer Gesundheitswesens

Eine wesentliche Herausforderung ist die starke Fragmentierung des Gesundheitssystems in der Schweiz. Mit 26 Kantonen, zahlreichen privaten und öffentlichen Spitälern sowie unzähligen unabhängigen Arztpraxen existiert keine einheitliche Dateninfrastruktur. Während Abrechnungsdaten aufgrund der Verbindung zu den Versicherern gut organisiert sind, fehlt es oft an standardisierten und qualitativ hochwertigen klinischen Daten, die für KI-Anwendungen notwendig sind. Diese Fragmentierung erschwert nicht nur die Datennutzung, sondern auch die Zusammenarbeit zwischen Institutionen. 

Weiter gibt es kulturelle und strukturelle Hindernisse. Viele Institutionen zögern, ihre Daten zu teilen, sei es aus legitimen Datenschutzbedenken oder aus der Angst, Kontrolle oder strategische Vorteile zu verlieren. Solche Daten werden oft als wertvolle Ressource wahrgenommen, was den Austausch weiter erschwert. Hinzu kommt die Wahrnehmung vieler Akteure, dass Patientendaten «ihnen gehören», was in einer individualistischen Gesellschaft wie der Schweiz kulturell tief verankert ist. 

2. Datenteilung als Schlüsselfaktor

Eine der möglichen Lösungen liegt in der Schaffung eines nationalen Programms, das auf Freiwilligkeit basiert und allen Beteiligten einen klaren Mehrwert bietet. Die intrinsische Motivation, also das Erkennen eines direkten Nutzens, ist häufig effektiver als gesetzliche Verpflichtungen. Ein Beispiel wäre die Möglichkeit, durch die Datennutzung klinische Studien zu fördern, administrative Prozesse zu vereinfachen oder Behandlungsqualität und Behandlungsergebnisse zu verbessern.

Eine rein gesetzliche Regelung, die den Datenaustausch erzwingt, könnte zwar eine gewisse Standardisierung fördern, birgt jedoch das Risiko von mangelnder Akzeptanz und Widerstand. In solchen Fällen sind Probleme wie unvollständige oder qualitativ minderwertige Daten vorprogrammiert, da die Motivation zur aktiven Mitwirkung fehlt. Ein national koordiniertes Programm mit klaren Anreizen und Vorteilen für alle Beteiligten, von Ärztinnen und Ärzten und Spitälern bis hin zu Patienten, könnte hier den Unterschied machen. 

3. Der Schlüssel: Anonymisierung und Benutzerfreundlichkeit

Ein wesentlicher Punkt ist die Anonymisierung der Daten. Nur durch effektive Anonymisierungs- und Pseudonymisierungsmethoden kann sichergestellt werden, dass Patientendaten sicher und gleichzeitig nutzbar sind. Doch technische Lösungen allein reichen nicht aus. Viele digitale Initiativen scheitern an mangelnder Benutzerfreundlichkeit und operativer Umsetzbarkeit.

Zukünftige Systeme müssen daher nicht nur sicher, sondern auch einfach zu bedienen sein. Übermässig komplexe Anforderungen oder eine zu stark regulierte Herangehensweise sind oft kontraproduktiv. Eine pragmatische und iterative Entwicklung, die zunächst mit kleineren Schritten beginnt und dabei die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigt, könnte hier Abhilfe schaffen.

4. Datenschutz als Teil des kulturellen Wandels

Die Akzeptanz von generativer KI im Gesundheitswesen erfordert letztlich auch einen kulturellen Wandel. Während in Ländern wie Grossbritannien Gesundheitsdaten durch nationale Programme standardisiert und zugänglich gemacht werden, basiert das Schweizer Modell auf einem individualistischeren Ansatz. Dies stellt eine zusätzliche Hürde dar, da es Überzeugungsarbeit und möglicherweise auch Anreize braucht, um Patienten und Leistungserbringer zur Teilnahme zu bewegen.

Gleichzeitig müssen diese Initiativen transparent kommuniziert werden, um Vertrauen zu schaffen. Die Menschen möchten verstehen, warum ihre Daten genutzt werden, welche Vorteile dies für die Gesellschaft bringt und wie ihre Privatsphäre geschützt bleibt. 

5. Fazit: Datenschutz als Balanceakt

Die Balance zwischen Datenschutz und Innovationsförderung ist eine der grössten Herausforderungen für die Einführung generativer KI im Schweizer Gesundheitswesen. Fortschritte erfordern eine klare Vision, technische Exzellenz, kulturelle Sensibilität und die Einbindung aller relevanten Akteure. Durch eine Kombination aus Anonymisierung, Benutzerfreundlichkeit, Anreizen und gezielten Kommunikationsmassnahmen kann die Schweiz den Weg zu einer sicheren und effektiven Nutzung von KI ebnen.

Verzerrungen und Genauigkeit: Die unsichtbaren Hürden generativer KI

Generative KI verspricht, die Gesundheitsversorgung effizienter und präziser zu gestalten. Doch ein zentrales Problem bleibt: die Verzerrungen (Bias) in den Modellen. Diese können dazu führen, dass bestimmte Patientengruppen nicht korrekt repräsentiert werden, was insbesondere in sensiblen Bereichen wie Diagnostik und Behandlung schwerwiegende Folgen haben kann.

Der Ursprung solcher Verzerrungen liegt häufig in den Trainingsdaten der KI. Wenn diese Daten nicht die gesamte Vielfalt der Patientengruppen abbilden, können Ungleichbehandlungen entstehen. Dabei geht es sowohl um biologische Faktoren (wie Geschlecht, Alter, ethnische Herkunft oder Krankheitsverläufe) als auch um systematische Unterschiede, die durch sozioökonomische Hintergründe, sprachliche Barrieren oder Bildungsdefizite geprägt sind. Ein Modell, das diese Aspekte ignoriert, läuft Gefahr, bestimmte Bevölkerungsgruppen zu benachteiligen oder falsche Entscheidungen zu treffen. 

Die Schweiz steht hierbei vor einer doppelten Herausforderung. Zum einen ist die Bevölkerung relativ klein, zum anderen jedoch kulturell und demografisch äusserst vielfältig. Diese Heterogenität macht es besonders schwierig, rein lokale Modelle zu entwickeln, die alle Bevölkerungsgruppen gleichermassen berücksichtigen. Stattdessen könnte ein Ansatz sein, globale KI-Modelle zu nutzen, die auf multinationalen Datensätzen basieren. Solche Modelle könnten dann gezielt angepasst und validiert werden, um die spezifischen Bedürfnisse und Besonderheiten der Schweizer Bevölkerung zu berücksichtigen. Dies würde nicht nur die Qualität der Modelle erhöhen, sondern auch sicherstellen, dass sie für alle Patientengruppen anwendbar und sicher sind.

Verzerrungen können auch durch die Art und Weise entstehen, wie Daten gesammelt werden. Beispielsweise können technische oder organisatorische Faktoren dafür sorgen, dass bestimmte Patientengruppen in den Daten unterrepräsentiert sind. Ein Beispiel hierfür wäre eine ungleiche Verfügbarkeit von Gesundheitsdiensten oder technologischen Ressourcen, die dazu führt, dass Daten aus sozioökonomisch schwächeren Gruppen weniger präsent sind. Dies verdeutlicht, wie wichtig es ist, nicht nur die Vielfalt der Daten sicherzustellen, sondern auch den gesamten Prozess der Datenverarbeitung zu optimieren. 

Neben den technischen Herausforderungen bestehen auch hier kulturelle und professionelle Hürden. Widerstand aus der Ärzteschaft oder von anderen Fachkräften kann entstehen, wenn KI-Systeme als Bedrohung für bestehende Arbeitsweisen wahrgenommen werden. In der Vergangenheit hat es Beispiele gegeben, bei denen neue Technologien wie digitale Pathologie aufgrund von Vorbehalten und mangelnder Einbindung der Fachkräfte gescheitert sind. Solche Widerstände können teils durch berechtigte Bedenken wie Datenschutzbedenken oder Qualitätsfragen motiviert sein, teils aber auch durch berufliche Eigeninteressen. 

Um Verzerrung effektiv zu minimieren, kann eine sorgfältige Kombination aus datengetriebenen und kollaborativen Ansätzen sinnvoll sein. Die Entwicklung von KI-Modellen sollte eng mit den Fachkräften vor Ort abgestimmt werden, um Vertrauen zu schaffen und spezifische Bedürfnisse anzusprechen. Gleichzeitig müssen technische Standards wie eine repräsentative Datenbasis, diversifizierte Trainings- und Validierungsprozesse sowie regelmässige Überprüfungen sicherstellen, dass die Modelle robust und zuverlässig sind. 

Ein weiterer entscheidender Punkt ist die Kommunikation der Vorteile solcher Systeme. Indem alle Beteiligten, vom Patienten bis zum Leistungserbringer erkennen, wie generative KI zu besseren Ergebnisse führen kann, können potenzielle Widerstände abgebaut und die Akzeptanz erhöht werden. 

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Bekämpfung von Verzerrungen in generativer KI keine rein technische Aufgabe ist. Um Verzerrungen zu minimieren ist ein ganzheitlicher Ansatz nötig, der kulturelle, technische und organisatorische Aspekte berücksichtigt. Nur so kann gewährleistet werden, dass diese Technologie nicht nur effizient, sondern auch fair und vertrauenswürdig ist, im Sinne aller Patienten und Beteiligten.

Integration in bestehende Systeme: Chancen und Risiken für die generative KI im Gesundheitswesen

Die Integration generativer KI in bestehende Gesundheitssysteme eröffnet viele Möglichkeiten, von der Verbesserung administrativer Abläufe bis hin zur Unterstützung klinischer Entscheidungen. Gleichzeitig wirft sie jedoch komplexe Fragen zu technischer Umsetzung, Datensicherheit und regulatorischen Anforderungen auf. Besonders in einem hochsensiblen Bereich wie dem Gesundheitswesen gilt es, Datenschutz und Vertrauen zu gewährleisten und gleichzeitig die technologischen Vorteile optimal zu nutzen. 

1. Datenschutzrisiken bei der Systemintegration

Eines der grössten Risiken bei der Integration generativer KI in bestehende Systeme ist der Umgang mit sensiblen Patientendaten. Viele dieser Technologien sind darauf ausgelegt, aus grossen Mengen an Daten zu lernen und diese kontinuierlich zu verarbeiten. Das birgt die Gefahr von Datenschutzverletzungen oder unbeabsichtigten Datenlecks. 

Um diese Risiken zu minimieren, setzen Unternehmen auf geschützte und private Instanzen von KI-Systemen, die unabhängig von öffentlichen Plattformen wie ChatGPT betrieben werden. Solche geschlossenen Systeme bieten erhöhte Sicherheit und Kontrolle, da sie vollständig isoliert und nach den höchsten Datenschutzstandards betrieben werden können. Insbesondere in der Schweiz, wo die Souveränität von Daten ein sensibles Thema ist, wäre es für viele Patienten und Organisationen inakzeptabel, wenn medizinische Daten ausserhalb des Landes verarbeitet würden, sei es in den USA, China oder anderswo. 

Moderne Cloud-Anbieter wie AWS, Microsoft und Google bieten mittlerweile Lösungen an, die diese hohen Anforderungen erfüllen können. Dazu gehören vollständig isolierte Umgebungen, die keine Verbindung zum Internet haben und lokal betrieben werden können. Dies ermöglicht es beispielsweise, grosse Sprachmodelle innerhalb eines Schweizer Krankenhauses oder einer Klinik sicher zu integrieren, ohne dass Daten das Netzwerk verlassen. Dennoch bleibt ein Restrisiko bestehen, das durch sorgfältige Planung und strikte Sicherheitsmassnahmen kontrolliert werden muss.

2. Regulatorische Herausforderungen

Ein weiteres Hindernis ist die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften wie etwa die des EU AI Acts9. Diese Verordnung klassifiziert KI-Anwendungen im Gesundheitswesen in der Regel als «hochrisikobehaftet», was eine Vielzahl zusätzlicher Anforderungen mit sich bringt. Dazu gehören unter anderem die Sicherstellung von Transparenz, die Minimierung von Verzerrung und die Gewährleistung der Datensicherheit. Während aggregierte Daten möglicherweise in eine mittlere Risikokategorie fallen könnten, werden individuelle Patientendaten fast immer als hochriskant eingestuft. Für Organisationen bedeutet dies, dass sie umfangreiche Massnahmen ergreifen müssen, um die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen. Das schliesst robuste Mechanismen zur Risikoanalyse, Dokumentation und Nachverfolgbarkeit ein. 

Eine besondere Herausforderung besteht in der Frage, ob bestimmte KI-Modelle überhaupt mit den regulatorischen Vorgaben kompatibel sind. Gerade bei generativen Modellen, die aus umfangreichen Trainingsdaten lernen und oft nicht vollständig nachvollziehbare Ergebnisse liefern, könnte es schwierig werden, die Transparenz- und Sicherheitsanforderungen der EU vollständig zu erfüllen. Dies könnte die Integration solcher Technologien verzögern oder ihre Nutzung auf spezifische, stark regulierte Bereiche beschränken. 

3. Strategien zur erfolgreichen Integration

Trotz dieser Herausforderungen sind die Potenziale generativer KI-Systeme enorm, vorausgesetzt, sie werden richtig in bestehende Strukturen eingebettet. Eine erfolgreiche Integration erfordert:

  1. Sichere Infrastruktur: Die Bereitstellung von geschützten und isolierten KI-Instanzen, die vollständig innerhalb der Grenzen eines Krankenhauses, einer Klinik oder sogar eines Landes betrieben werden.
  2. Kulturelle Sensibilität: In der Schweiz spielt die Wahrung der Datensouveränität eine zentrale Rolle. Lösungen müssen so gestaltet sein, dass Patienten und Institutionen sicher sein können, dass ihre Daten weder missbraucht noch ins Ausland übertragen werden.
  3. Regulatorische Abstimmung: Unternehmen und Organisationen müssen eng mit Regulierungsbehörden zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass KI-Systeme alle gesetzlichen Anforderungen erfüllen. Dies erfordert oft ein intensives Zusammenwirken zwischen Entwicklern, medizinischen Fachkräften und rechtlichen Experten.
  4. Transparenz und Aufklärung: Die Kommunikation der Vorteile und Sicherheitsmassnahmen ist essenziell, um Vertrauen bei allen Beteiligten zu schaffen. Patienten und Fachkräfte müssen verstehen, wie diese Technologien funktionieren und welche Massnahmen getroffen wurden, um Datenschutz und Sicherheit zu gewährleisten. 

Fazit: Die Integration generativer KI in bestehende Gesundheitssysteme stellt eine komplexe Herausforderung dar, die sowohl den Fortschritt durch technologische Möglichkeiten als auch Sicherheitsanforderungen und regulatorische Vorgaben berücksichtigt. Besonders in der Schweiz, wo der Datenschutz einen hohen Stellenwert hat und die Infrastruktur stark fragmentiert ist, bedarf es sorgfältiger Planung. Moderne Technologien wie isolierte KI-Instanzen oder lokal betriebene Systeme können eine sichere Integration ermöglichen. Dennoch ist die Einhaltung internationaler Standards wie des EU AI Acts entscheidend, um Vertrauen aufzubauen und regulatorische Hürden zu überwinden.

Mit einem Fokus auf sichere Technologien, pragmatische Umsetzungen und die Einbindung aller Beteiligten können diese Herausforderungen gemeistert werden. Unter diesen Voraussetzungen kann die  Schweiz von den Vorteilen generativer KI profitieren, ohne die hohen Anforderungen an Datenschutz und Sicherheit zu gefährden.

8

In dieses Kapitel fliesst das Interview mit Dr. Bryn Roberts, Global Head of Data und Digitalization, Roche Diagnoistics ein.

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