Autor - Christopher Galli, Experte Digitalisierung FMH
Die rasante Entwicklung generativer KI-Technologien hat weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt und wird oft mit revolutionären Veränderungen in verschiedenen Branchen assoziiert. Insbesondere im Gesundheitswesen stehen Effizienzsteigerung und Kosteneinsparungen im Mittelpunkt der Diskussion. Ein häufig genanntes Beispiel ist die Reduktion des administrativen Aufwands durch die automatische Generierung von Dokumenten, etwa einem Arztbrief oder Patientenberichten. Ebenso wird die Umwandlung von Sprache in Text als potenziell zeitsparende Lösung betrachtet. Gleichzeitig gibt es eine überzogene Erwartungshaltung, dass generative KI jedes Problem lösen könne, von der komplexen medizinischen Fragestellung bis hin zur trivialen Automatisierung alltäglicher Aufgaben.
Daher ist es entscheidend, genau abzuwägen, ob der Einsatz generativer KI für eine spezifische Problemstellung wirklich sinnvoll ist oder ob alternative, spezialisierte Lösungen effizienter und eleganter sein könnten. Im Gesundheitswesen sollte generative KI gezielt dort eingesetzt werden, wo sie die Arbeit erleichtert und einen echten Nutzen für medizinisches Fachpersonal sowie für Patientinnen und Patienten bietet. Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen Ärztinnen und Ärzten und ihren Patientinnen und Patienten. Generative KI darf nicht als Ersatz für die ärztliche Expertise dienen, sondern vielmehr als unterstützendes Werkzeug, das hilft, evidenzbasierte Informationen gezielt zu filtern und verständlich aufzubereiten.
Im Gesundheitswesen stellen Sprachbarrieren erhebliche Risiken für die Patientensicherheit und die Qualität der Versorgung dar. Forschungen haben gezeigt, dass ein begrenzter Zugang zu geschulten Dolmetschern zu Fehlkommunikation, unzureichenden Diagnosen sowie Fehldiagnosen führt und das Vertrauen schwächt. Eine Studie von de Moissac und Browen aus dem Jahr 2018 hob hervor, dass Patientinnen und Patienten in Kanada, die einer offiziellen Sprachminderheit angehören, aufgrund von Sprachbarrieren schlechtere Gesundheitsresultate erzielen [19]. Ebenso ergab eine JAMA-Studie aus dem Jahr 1996, dass Dolmetscher in Notaufnahmen selten genutzt wurden, wodurch Patientinnen und Patienten ihre Diagnosen und Behandlungen nur unzureichend verstanden [20]. Diese Erkenntnisse und die sprachliche Vielfalt in der Schweiz zeigen die Notwendigkeit eines zugänglichen und zuverlässigen Sprachsupports im medizinischen Bereich.
Das Potenzial von grossen Sprachmodellen für die Kommunikation im Gesundheitswesen
In jüngster Zeit sind grosse Fortschritte in der künstlichen Intelligenz gemacht worden, insbesondere in der Verbesserung neuronaler Netze, der Verfeinerung von Transformer-Architekturen und der Entwicklung grosser Sprachmodelle. Sie alle tragen dazu bei, Sprachbarrieren zu überwinden, indem sie die Genauigkeit und Kohärenz von Übersetzungen verbessern, Kontexte besser erfassen und patientenspezifische medizinische Inhalte verständlicher vermitteln. KI-gestützte Sprachmodelle können die Kommunikation zwischen Gesundheitsfachpersonen und Patientinnen und Patienten auf verschiedene Weise verbessern:
Obwohl grosse Sprachmodelle viele Vorteile bieten, bleiben Herausforderungen bestehen. Die Genauigkeit und medizinische Sicherheit sind essenzielle Faktoren; KI-Übersetzungen müssen sorgfältig validiert werden, um Fehlinterpretationen zu vermeiden, insbesondere bei kritischen medizinischen Gesprächen. Auch Verzerrungen und ethische Überlegungen spielen eine wichtige Rolle, da Sprachmodelle möglicherweise Verzerrungen in den Trainingsdaten widerspiegeln, was sich auf die Qualität der Übersetzungen für bestimmte Sprachen oder Dialekte auswirken kann. Zudem sind Datenschutzbedenken von grosser Bedeutung, da der Schutz der Patientendaten zentral ist. Hierzu aber mehr im Kapitel 6. Daher müssen sichere, datenschutzkonforme KI-Modelle implementiert werden, um sensible medizinische Informationen zu schützen.
In einer Zeit, in der das Volumen wissenschaftlicher Literatur exponentiell wächst, mit einer jährlichen Wachstumsrate von 4.1 % und einer Verdoppelungszeit von 17.3 Jahren [21], haben Forschende, politische Entscheidungsträgerinnen und Praktiker Schwierigkeiten, mit den neusten Entwicklungen Schritt zu halten. Traditionelle Methoden zur manuellen Zusammenfassung wissenschaftlicher Arbeiten sind ineffizient und zeitaufwendig.
Die Einführung von grossen Sprachmodellen bietet eine vielversprechende Unterstützung für diese Herausforderung. Grosse Sprachmodelle haben sich als äusserst leistungsfähig in der automatisierten wissenschaftlichen Zusammenfassung erwiesen und machen Forschung zugänglicher und verständlicher. Jüngste Studien heben die Fähigkeiten von grossen Sprachmodellen hervor, akademische Inhalte strukturiert und effektiv zusammenzufassen. Welche Rolle spielen grosse Sprachmodelle in der wissenschaftlichen Zusammenfassung?
Hier einige wesentliche Aspekte, welche den Umgang mit wissenschaftlichen Arbeiten vereinfachen:
Ein zentraler Vorteil grosser Sprachmodelle liegt in ihrer Fähigkeit, unstrukturierte klinische Texte automatisch in strukturierte Formate zu überführen. Dies betrifft insbesondere Freitextfelder z. B. in Informationssystemen oder PDFs im elektronischen Patientendossier, wie Verlaufsnotizen, Entlassungsberichte oder Pathologiebefunde. Solche Texte stellen eine wertvolle, aber schwer zugängliche Datenquelle dar, speziell wenn diese nutzbar gemacht werden sollen für die Forschung, Qualitätssicherung oder Entscheidungshilfesysteme.
Frühere Ansätze, etwa die regelbasierten Systeme des Natural Language Processing (NLP), waren häufig anwendungsspezifisch, mühsam zu warten und wenig robust gegenüber Format- oder Terminologieänderungen [26]. Grosse Sprachmodelle wie GPT-4 oder Gemma-2 hingegen benötigen kein aufgabenspezifisches Training und funktionieren zuverlässig auch bei heterogenen Texten und Formulierungen. In einer grossen Studie des US-Veteranen-Gesundheitssystems konnte etwa gezeigt werden, dass ein grosses Sprachmodell in der Lage war, mit hoher Genauigkeit (F1 bis zu 99 %) histopathologische Diagnosen wie Dysplasien oder Adenokarzinome aus Pathologiebefunden zu extrahieren, selbst ohne domänenspezifisches Training und mit ressourcenschwacher CPU-Hardware [26]. Sogar in Datensätzen mit variierender Formatierung (z. B. IBD vs. Non-IBD) blieben die Modelle stabil und erzielten konsistente Ergebnisse.
Auch im deutschsprachigen Raum zeigen Studien, dass sich grosse Sprachmodelle als verlässliche Werkzeuge für die Datenextraktion aus semi- oder unstrukturierten klinischen Texten etablieren könnten. Eine Schweizer Evaluation von 18 Sprachmodellen demonstrierte, dass insbesondere GPT-4, Claude 3 oder LLaMA-3-70B in der Lage sind, postoperative Komplikationen aus synthetischen Patientenberichten zuverlässig zu erkennen. Die besten Modelle übertrafen klassische Transformer-Modelle wie RoBERTa deutlich an Genauigkeit, Konsistenz und Fehlerrate [27].
Ein weiteres Anwendungsfeld zeigt sich bei der automatisierten Kategorisierung von Freitextdiagnosen in der pädiatrischen Notfallmedizin. Dort erreichte ein feinjustiertes GPT-3 Modell eine fast perfekte Genauigkeit (99.9 %) beim Erkennen von Atemwegserkrankungen in fehleranfälligen Freitexten mit typografischen Fehlern – eine Aufgabe, die für menschliche Codierfachleute sehr aufwändig und zeitintensiv ist [28].
Wie genau diese soeben vorgestellten Prinzipien in der Praxis zur Anwendung kommen können, zeigt das Beispiel des Schweizer Startups 44ai, das wir im Kapitel Praktische Anwendungsbeispiele im Gesundheitswesen näher betrachten. Dort sehen wir exemplarisch, wie grosse Sprachmodelle eingesetzt werden, um aus unstrukturierten Texten in Informationssystemen behandlungsrelevante Informationen zu extrahieren und strukturiert zugänglich zu machen.
Ärztliche Notizen sind ein zentrales Kommunikations- und Dokumentationsinstrument im klinischen Alltag und gleichzeitig eine erhebliche Belastung. Ärztinnen und Ärzte verbringen täglich zwischen 52 und 102 Minuten mit dem Verfassen von klinischer Notizen [29]. Diese Zeit fehlt im direkten Patientenkontakt, und sie trägt nachweislich zu Unzufriedenheit und Burnouts bei [29]. Die Hoffnung, diesen Dokumentationsaufwand mithilfe grosser Sprachmodelle zu reduzieren, rückt zunehmend in den Fokus – insbesondere durch deren Fähigkeit, aus rohen Gesprächsdaten oder fragmentarischen Texten strukturierte, lesbare und medizinisch valide Notizen zu erstellen.
Ein konkreter Anwendungsfall ist die automatische Generierung klinischer Notizen aus transkribierten Arzt-Patienten-Gesprächen. Im Rahmen der MEDIQA-Chat 2023 Challenge wurde ein entsprechender Benchmark geschaffen. Dabei wurden unter anderem GPT-4 basierte In-Context-Learning (ICL)-Ansätze evaluiert, bei denen das Modell keine eigentliche Nachbearbeitung (Finetuning), sondern nur wenige Beispiele in einem Prompt erhält. Die Ergebnisse sind bemerkenswert: In einer kontrollierten Evaluation mit drei klinisch tätigen Ärztinnen und Ärzte wurde festgestellt, dass GPT-4-generierte Notizen gleich häufig bevorzugt wurden wie manuell geschriebene Originalnotizen, und deutlich häufiger als solche von klassisch finegetunten Modellen wie Longformer-Encoder-Decoder (LED) [30]. Die KI-Notizen waren inhaltlich korrekt, übersichtlich gegliedert und enthielten deutlich weniger Redundanzen.
Ein zentrales Element des Erfolgs war die Auswahl von passenden Beispielen im Prompt: Anhand semantisch ähnlicher Dialoge konnte GPT-4 lernen, welche Struktur, Tonalität und Informationsdichte klinische Notizen typischerweise aufweisen. Die leistungsfähigsten Prompts enthielten drei Beispiele plus Anweisungen, keine Informationen zu halluzinieren, eine Einschränkung, die besonders im medizinischen Kontext kritisch ist. Ergänzend wurde durch manuelle Evaluationskriterien wie «critical omissions» und «hallucinated facts» sichergestellt, dass keine sicherheitsrelevanten Fehler generiert wurden. Auch das Niveau an Verständlichkeit, Redundanzfreiheit und faktischer Präzision wurde systematisch überprüft [32].
In einer weiteren Studie wurde mit MST-DIALOG ein grosser, öffentlich zugänglicher Datensatz aus 1700 simulierten Arzt-Patienten-Gesprächen und zugehörigen Notizen geschaffen, eine wichtige Ressource, um die Entwicklung solcher Systeme auch ausserhalb kommerzieller Anbieter voranzutreiben. Dabei zeigte sich, dass sich durch guided summarization (also die explizite Vorgabe von Notizabschnitten wie «HPI» oder «Plan») die Präzision weiter steigern und die Halluzinationsrate senken liess. Die besten Modelle verfehlten dennoch bis zu 33 % der in der Quelle enthaltenen medizinischen Fakten, was die Grenzen aktueller Systeme deutlich macht [29].
Auch wenn die grossen Sprachmodelle wie GPT-4 beeindruckende Ergebnisse liefern, zeigen Studien wie jene von Lehman et al., dass kleinere, domänenspezifisch trainierte Modelle oft effizienter sind. So konnten eigens auf MIMIC-Daten trainierte Modelle mit nur 220-770 M Parametern (T5-Base / T5-Large) die Leistung von deutlich grösseren generalisierten Modellen wie T5-XL (3B) oder GPT-3 (175B) übertreffen, und das bei deutlich geringeren Rechenanforderungen und besserer Kontrolle über Datenschutz und Halluzinationen [31]. Dies ist insbesondere für Spitäler und Institutionen in Europa von Bedeutung, da der Einsatz grosser API-basierter Modelle unter der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) regulatorisch schwierig ist.
Wie sich diese Fähigkeiten in der Praxis umsetzen lassen, zeigt das Schweizer Unternehmen Intonate, das wir im folgenden Kapitel näher betrachten. Intonate bietet eine End-to-End-Lösung zur automatisierten Erstellung ärztlicher Verlaufseinträge direkt aus Patientenkonsultationen. Dabei werden Gesprächsinhalte analysiert, medizinisch relevante Informationen extrahiert und daraus strukturierte, fachliche präzise Texte generiert.